15.09.2015





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Freie Religionsgemeinschaft Alzey, K.d.ö.R.



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Christian Elßner:
Materialien
zum Religionsunterricht

und zur
Selbstbelehrung für Schule und Haus
in den freien protestantischen Gemeinden
bearbeitet von
Chr. Elßner
Prediger der fr. protestant. Gemeinden in Rheinhessen
Alzey, 1882

pdf-download (715,2 kb)Titelbild des Elßnerschen Religionsbuches von 1882
Formung und Weiterentwicklung der Ideen und Inhalte

Der innere Ursprung der Freien Religionsgemeinschaft in Rheinhessen liegt in der Auflehnung gegen jede religiöse Unfreiheit durch Kirchenzwang und Kirchenvorschriften. Aus gutem Grund hat sie es daher auch zu allen Zeiten vermieden, selbst irgendwelche eigenen Regeln oder gar Dogmen aufzustellen. Ihrem eigenen hohen Toleranzanspruch gemäß hat sie es vorgezogen, die Ausbildung religiöser Grundüberzeugungen dem persönlichen Gewissen der einzelnen Menschen anzuvertrauen. In diesem Sinne verstehen sich schon die "Grundsätze" von 1878: "Wir schreiben der Liebe, dem gegenseitigen Wohlwollen der Menschen einen höheren Wert zu, als den kirchlichen Gebräuchen und Zeremonien; wir verwerfen daher jeden Glaubenszwang und jede Härte für Andersgläubige und räumen jedem Menschen dieselben Rechte und dieselbe Freiheit ein, die wir für uns verlangen. ... Wir betrachten die Lehrschriften der protestantischen Kirche als wertvolle Dokumente und Glaubenszeugnisse unserer Väter, aber wir gestatten nicht, dass man diese in einer weniger erleuchteten Zeit verfassten Lehrschriften zu Geistesfesseln des gegenwärtigen Geschlechts missbrauche; denn nimmermehr haben unsere Väter gewollt, dass alle ihre Nachkommen an den festgeschriebenen Buchstaben gebunden sein sollten.  Wie sie einst protestierten gegen den päpstlichen Zwangsglauben ihrer Zeit, so protestieren wir gegen den Glaubenszwang unserer Zeit und führen als freie Protestanten das Geistesstreben unserer Väter seinem hohen Ziele näher." (1)

Von diesem Ausgangspunkt her wird verständlich, dass die Gemeinschaft "sich von Anfang an nicht etwa in einem evangelisch-kirchlichen, sondern in einem scharf davon abgegrenzten, eigenen und konkurrierenden Sinne als "frei-protestantisch" ... verstanden" hat. (2)

Dies wird auch schon in einem Brief des Gemeindevorstands der Freiprotestanten vom Herbst 1876 deutlich, in dem sie sich gegen verleumderische Zeitungsartikel zur Wehr zu setzen versuchten: "Nicht ein paar Mark Kirchensteuer haben uns zum Austritt aus der Landeskirche veranlasst ... Hätte der Verfasser noch einige unserer Veranstaltungen besucht, deren wir viele im Laufe des Jahres gehalten haben, so würde er sich überzeugt haben, dass wir höhere Motive haben, die Landeskirche zu verlassen. ... Wir wollen nicht zahlen für das Predigen von Dogmen, die wir nicht glauben, und die wir, wie das Dogma von der Verderbtheit des Menschen oder der Erbsünde, für eine Sache halten, welche der religiös sittlichen Entwicklung hinderlich ist, und welche die privilegierten Priesterschaften benutzen, unseren Völkern den sittlichen Knechtschaftsstempel aufzudrücken im Namen der Religion. ... Wenn wir uns weigern, für unnütze und schädliche Kirchenlehren unser Geld hinzugeben, so zahlen wir gerne, wenn es gilt, Wahrheit, Bildung und Freiheit zu fördern." (3)

Christian Elßner gebührt das große Verdienst, mit der Erstellung seiner "Materialien zum Religionsunterricht..." bereits fünf Jahre nach seinem Dienstbeginn eindeutige Klarheit in den Gebrauch bestimmter religiöser Begriffe gebracht zu haben: "Religion und Glauben werden oft als gleichbedeutend, als Eins hingestellt, ohne es doch zu sein. Glaube ist im gewöhnlichen oder alten Sinne des Wortes mehr das prüfungslose Fürwahrhalten kirchlicher Lehren und Satzungen. Es kann jemand recht viel Glauben bekunden, und doch keine Religion haben, keine Religiosität besitzen, wenn er z.B. schlecht denkt und gegen seine Mitmenschen unedel handelt. ... Wir nennen uns "frei", weil wir keiner irdischen Macht das Recht zuerkennen, uns Vorschriften darüber zu machen, was wir zu glauben und nicht zu glauben hätten. Wir nennen uns "frei", weil wir uns nicht binden an die religiösen Ansichten und Satzungen irgend einer Vergangenheit, sondern erkennen, dass die Religion einer steten Vervollkommnung bedürftig bleiben wird... Wir nennen uns "frei", weil wir niemanden auf den Buchstaben der Schrift, noch überhaupt auf alte oder neue Glaubenssätze verpflichten; verschiedenartige religiöse Ansichten und Auffassungen niemals ein Grund zur Trennung oder Ausschließung bei uns werden können. Wir sind "frei", weil wir in Bezug auf Religion und Glauben auch jede geistliche Bevormundung zurückgewiesen. Wir nennen uns "freie Protestanten", weil wir die heilige Verpflichtung auf uns genommen, Verwahrung einzulegen gegen jeden Wahn und Irrtum, wo wir ihm auch begegnen mögen, dagegen für die Erkenntnis der Natur- und Vernunftgesetze zu wirken und auf deren Betätigung zu dringen. Wir nennen uns "freie Protestanten", weil wir uns verwahren gegen jede religiöse Halbheit und Unentschiedenheit, dagegen volle Entschiedenheit und Festigkeit in Gesinnung und Leben fordern. Endlich aber auch darum, weil wir die Pflicht fühlen, gegen alles das in die Schranken zu treten, was die allseitige Wohlfahrt der Menschheit beeinträchtigt ..., als da sind: Geistesknechtschaft, Glaubens- und Gewissenszwang, Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit, Willkür, Hass, Neid und Zwietracht." (4)
In diesem Sinne blieb in der Freien Religionsgemeinschaft natürlich kein Platz mehr für alte Märchen und Mythen. Weder eine persönliche Gottesvorstellung oder ein heiliger Geist noch der Glaube an jungfräuliche Geburt, weder die Gottessohnschaft Jesu noch seine Himmelfahrt oder auch der Glaube an Himmel oder Hölle oder überhaupt an ein persönliches Weiterleben nach dem Tode hatte vor der prüfenden Vernunft Bestand. Dies alles war und ist dem wahrhaft denkenden Menschen aber im Grunde auch gar nicht nötig, denn: "Wer die ihm zugemessene Lebenszeit redlich auskauft, wer gewissenhaft seiner Pflicht lebt, eifrig an seiner geistigen und sittlichen Vervollkommnung arbeitet, die ihm verliehenen Gaben und Kräfte nicht nur zu seinem, sondern auch zum Wohle seiner Mitmenschen anwendet: Der darf und wird vor dem Tode nicht erzittern, denn er trägt schon in sich selbst den Himmel..." (5)

So wurde dem altchristlichen Weltverständnis bereits von Elßner eine naturwissenschaftlich geprägte Weltschau entgegengestellt, die sich in ihrer Entwicklungsfähigkeit auch heute noch bewährt. Allerdings fügte er dem bloßen Vernunftverständnis eine auch heute noch (oder gerade wieder) sehr aktuelle naturethische Komponente hinzu. "Wie aber der Mensch, so hat auch jedes Wesen außer ihm seinen Selbstzweck und ist mit allen Organen und Werkzeugen zu seiner Selbsterhaltung begabt, und ein Irrtum wäre es, zu glauben, dass alles, was auf der Erde lebe, nur um des Menschen halber da sei. Hat jedes Wesen nun auch seinen eigenen Lebenszweck, so greifen doch die einzelnen Glieder der Natur so ineinander ein, dass das Eine ohne das Andere nicht bestehen kann, ... Wenn wir uns nun zu unserer Selbsterhaltung ... der Tiere und Pflanzen bedienen, so sind wir dazu berechtigt, ... jedoch missbrauchen sollen wir sie nicht. ... Täten wir es, so machten wir uns einer dreifachen Sünde schuldig: wir zerstörten zweck- und nutzlos das Leben gleichberechtigter Wesen, die ihres Daseins Zweck gleich uns zu erreichen berechtigt sind; wir schädigten unsere Mitmenschen, denen sie ja auch zum Nutzen und zur Freude dienen sollen; endlich aber würde eine schonungslose Behandlung dieser Wesen den Beweis liefern, wie gefühllos und verhärtet unser eigenes Herz und Gemüt sei. ..." (6) "Vieles, was erst später als Reaktion auf die zunehmende Umweltverschmutzung und -zerstörung als Folgen unserer hochtechnisierten "kultivierten" Zivilisation formuliert wurde, hat Elßner bereits vor über hundert Jahren vorweggenommen." (7)

Immer wieder sind Anhänger und Mitglieder der Freien Religionsgemeinschaft von den Gläubigen anderer bilderreicherer Religionen mitleidig belächelt oder auch als "gottlos" beschimpft worden. Auch hat man oft versucht, ihnen wegen ihrer Vernunftbetontheit jede Form der Religiosität abzusprechen. Dennoch bleibt der Wunsch und auch der Einsatz für den toleranten Umgang aller Menschen auf dieser Welt in der größtmöglichen Freiheit für jeden Einzelnen und der verantwortungsbewusste Umgang mit der uns umgebenden Natur ein hohes Ziel, für das es sich einzutreten lohnt. Erstaunlicherweise aber scheinen viele Menschen in dem Verzicht auf allgemeingültige Wahrheiten und Dogmensysteme einen Verlust für die ethischen Grundlagen einer gemeinsamen Mitmenschlichkeit zu sehen. Dem ist nun aber gerade nicht so. Denn "gerade damit aber schafft Freie Religion zwischen ihren Mitgliedern eine viel tiefere Grundlage zu einem friedvollen Zusammenleben, als dies durch den Glauben an allgemeinverbindliche und ewige Idealvorstellungen und die damit verbundene strenge Wachsamkeit über die gemeinsame Regelbefolgung eines ein für allemal vorgegebenen gemeinsamen religiösen Normensystems möglich wäre. Denn jeder Mensch, der im Wissen um seine eigene Verantwortlichkeit in freier Entscheidung zu eigenen Antworten zu gelangen versucht, der weiß nicht nur um seine eigene Individualität, sondern auch um die Einzigartigkeit seiner Mitmenschen. Die Achtung vor der Einzigartigkeit eines Anderen aber ist der beste Nährboden für eine wirkliche Form von menschlicher Gemeinschaft - ohne den aufgesetzten Zwang einer gemeinsamen Unterwerfung durch absolute Dogmengläubigkeit." (8)

Aus der Gemeindechronik (S. 30-34)

Anmerkungen:
(1) Grundzüge und Statuten, Druck von A. Meschett in Alzey, 1878, S. 3f
(2) Kalk, Stephan: Ideen und Inhalte freiprotestantischer Religiosität in zwölf Jahrzehnten, in: Das Paradoxe zog mich an Hrsg. Freireligiöse Landesgemeinde Baden, Verlagsbüro v. Brandt, Mannheim, 1997
(3) Rheinhessischer Beobachter, Nr. 46, 7. Juni 1876, S. 9f; zitiert nach: Hoffmann-Dieterich, Thomas: Die Entstehung u. die Entwicklung des Freiprotestantismus in Wonsheim von 1876 bis 1912 - unveröffentlichte Magisterarbeit: o. O., o. J. (Wissenschaftliche Betreuung: Kehrer, Günter)
(4) Elßner, Christian: Materialien zum Religionsunterricht und zur Selbstbelehrung in Schule und Haus in den freien protestantischen Gemeinden, Commissions-Verlag von Fr. Ackermann, Alzey, 1882
(5) Elßner, Christian, a.a.O., S. 95
(6) Elßner, Christian, a.a.O., S. 119
(7) Kalk, Stephan, a.a.O., S. 52
(8) Kalk, Stephan: Dogmatismus oder Menschlichkeit, in: Wege ohne Dogma Hrsg. Bund freireligiöser Gemeinden Deutschlands, Verlag Humanitas, Ludwigshafen, 1990

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